Montag, 15. Oktober 2018

Joe Bausch - Gangsterblues

Joe Bauschs Buch "Gangsterblues" lanciert unter True Crime. Wie er selbst im Vorwort sagt, neigen Kriminelle (und natürlich nicht nur die) dazu, ihre Stories ein wenig auszuschmücken und ein bisschen glorreicher zu machen. Letztendlich kann man also nicht wissen, wie "true" die Geschichten sind, bis natürlich auf verifizierbare Angaben aus Zeitungsberichten, Polizeiunterlagen und dergleichen. 12 solcher Stories hat Joe Bausch in Gangsterblues zu einem Panoptikum des Knastlebens zusammengestellt. Hier ist alles dabei vom, vielleicht zu Unrecht, einsitzenden Mörder, über clevere Ganoven bis hin zu traurigen Geschichten vom Leben und Sterben hinter Gittern.
Joe Bausch ist selbst Gefängnisarzt und kennt den Kontakt zu den Häftlingen also nicht nur aus Stories sondern aus dem echten Leben, es sind die Geschichten seiner Häftlinge und das merkt man dem Buch. Oft schwingt eine persönliche Note mit, die viel über sein Verhältnis zu dem jeweiligen Straftäter aussagt. Nie ist er aber dabei abwertend, zynisch oder hält sich für etwas "Besseres". Er spricht sie selbst in diesem Hörbuch mit seiner rauhen, authentischen Stimme. Die Geschichten lassen einen nicht unberührt, besonders gefallen hat mir jene mit den drei alternden Ganoven vom Affenfelsen (so nennt man einen großen Stein im Gefängnishof, an dem dieses Trio seine Pausen verbracht hat) die es in einem Alter, in denen es ihnen keiner mehr so richtig zugetraut hätte, allen nochmal so richtig gezeigt haben. Für Krimi und True Crime- Fans und alle die gern Geschichten hören, die das Leben geschrieben hat: greift zu! Es lohnt sich!

Jessica Fellowes - Die Schwestern von Mitford Manor

Bevor wir die Rezension beginnen, erst ein kurzer Test. Investiert die Zeit, sie schützt euch vor einem Fehlkauf: Magst du Geschichten die in noblen Herrenhäusern spielen mit Lords und Ladies und der Dienerschaft? Ja (1 Punkt) Nein (0 Punkte) Wenn eine Krimigeschichte sich eher um die Personen als um den Fall dreht, kannst du damit leben? Ja (2 Punkte) Nein (0 Punkte) Ist es in Ordnung für dich, wenn sich die Charaktere an die Konventionen und Sitten ihrer Zeit halten, auch wenn diese im Jahre 2018 albern, umständlich oder sogar diskriminierend erscheinen? Ja (2 Punkte) Nein (0 Punkte) Lässt du Charakteren anstrengendes, kapriziöses Verhalten durchgehen, weil ihre adlige Herkunft diese rechtfertigt? Ja (1 Punkt) Nein (0 Punkte) Wer mindestens 4 Punkte erreicht hat: Herzlichen Glückwunsch, ihr könnt es versuchen. Der Rest: kauft es euch nicht, ihr wärt nur genervt von einem Krimi der mehr Familiengeschichte als echter Krimi ist.
Es dreht sich zwar anfangs in Jessica Fellowes Roman um eine Körperverletzung mit Todesfolge an einer ehemaligen Militärkrankenschwester, doch entpuppt sich das ganze schnell als Aufhänger und Sideplot für eine oppulente Familiengeschichte a la Downton Abbey mit jeder Menge Dramatik, Anstand und Sitten,Tränen, Skandälchen und Skandalen und natürlich Lords, Ladies und einer Heerschar an Bediensteten in einem vornehmen Haus. Wer Downton Abbey liebt, kann hier nicht Nein sagen. Wer einfach einen Krimi aus den Wilden Zwanzigern möchte, der greift besser zu Babylon Berlin.

Sonntag, 7. Oktober 2018

Oliver Pötzsch - Der Spielmann

Ich kannte Oliver Pötzsch bereits vorher von seinen Henkerstochter- Romanen, einer Mittelalter- Krimi Reihe in der der Schongauer Henker Jakob Kuisl und seine Familie den Dreh- und Angelpunkt der Handlung darstellen. In seiner neuen Reihe erzählt der Autor die Geschichte des Jhann Georg Faustus, jedem eigentlich hinlänglich bekannt durch unzählige Unterrichtsstunden in Deutsch über Goethes Werk. Je nach Deutschlehrer/in erinert man sich mit Freude, emotionslos oder mit Grauen daran zurück, an Fausts wundersames Leben, die Grethchenfrage und den Kern von Pudeln. Bei mir was es Letzteres, langweilie, graue Ödnis im Klassenzimmer, das Werk bis in den letzten Buchstaben von Frau S. mit Valiumstimme analysiert, die Lider wurden schwerer und schwerer...
(heute mal durch Ortsabwesenheit ein Bild ohne Geralt) Ich hatte gehofft, mit Oliver Pötzschs Roman mein Trauma überwinden zu können: es ist gelungen, zumindest teilweise! Pötzsch erzählt die Geschichte lebensnah, mit viel künstlerischer Freiheit, voller Wendungen und unerwarteter Rettungen aus der Not und leider doch nicht ganz packend. An manchen stellen ufert die Geschichte einfach sehr aus, er ergeht sich in Nebenschauplätzen und die Motivation des Charakters Tonio de Moravia Faustus auszuwählen und seinen ganzen Plan habe ich bis jetzt nicht wirklich begriffen, da ist ir eindeutig zu viel unklar, obwohl es einen zweiten Band geben wird. An Tobias Kluckerts sprecherischer Leistung bei diesem Hörbuch ist fast nichts auszusetzen, ich hätte mir nur an den wirklich spannenden Stellen ein bisschen mehr Druck in der Stimme gewünscht. Oliver Pötzsch- Fans sollten bei diesem Buch erst einmal die Leseprobe konsultieren und keinen Henkerstochter- Roman erwarten. Und auch wer, im Gegensatz zu mir, in der Schule nicht literisch mit Goethe gefoltert wurde, sondern Begeisterung für den Faust mitbekommen hat, der sollte hier beherzt zugreifen.